Mittwoch, 28. Juni 2017

Von der südländischen Gemütlichkeit und deutschen Jammerlappen


Am vergangenen Wochenende besuchten meine Eltern eine Urlaubsbekanntschaft und kamen sichtlich erholt nach Hause. Auf die Frage wie es denn so war antwortete meine Mutter: „Es war herrlich, mit ihrer Urlaubsfreundin ein Wochenende zu verbringen – sie hat so diese südländische Gemütlichkeit.“ Das konnte ich mir gut vorstellen, denn ich kenne ihre Freundin: Sie ist immer fröhlich, gelassen und in ihrer Gegenwart ist schlechte Laune einfach nicht vorstellbar. Ich hab mich daraufhin wieder mal gefragt, warum wir Deutschen eigentlich nie so gelassen und glücklich sein können, wie Menschen aus anderen Kulturen.

Wenn ich auf Reisen bin, bleibt mir unter Anderem oft der Eindruck der Menschen an sich und ihrer Zufriedenheit in Erinnerung. Ich werde nie vergessen, mit welche Freude und Euphorie mir eine Mitarbeiterin in einem Einkaufszentrum einer Stadt im US-Bundesstaat Virginia eine Frage beantwortet hat. Es war früh am Morgen, sie hatte also noch einen langen Arbeitstag vor sich, aber sie strahlte über das ganze Gesicht - wirklich so, als wäre ich gekommen um ihr 10.000 Dollar zu schenken oder so. Und dabei habe ich noch nicht einmal etwas gekauft… nein, ich habe sie gefragt, wo die Klos sind!
Es mag übertrieben klingen, aber die glückliche Ausstrahlung dieser Verkäuferin hat mich echt umgehauen. Kennt ihr auch solche Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen, die euch mit ihrer guten Laune so beeindrucken?

Hier in Deutschland erlebe ich so etwas eher selten. Natürlich sind auch hier alle Berufstätigen im Kundenkontakt bemüht, möglichst freundlich zu sein. Aber ich finde man merkt auch, dass es eine aufgesetzte Freundlichkeit ist. Bei Menschen aus anderen Ländern habe ich das Gefühl, dass sie innerlich wahnsinnig glücklich und zufrieden sind – und das zeigen sie automatisch nach außen.

Aber warum ist das so? Hat der heruntergezogene Kiefer etwas mit den Genen zu tun oder hat sich die schlechte Laune in Deutschland eingebürgert? 
In Auseinandersetzung mit dieser Frage, habe ich mal getestet, wie die Leute überhaupt auf eine so gute Laune reagieren: Beim Spaziergang mit meinem Hund habe ich alle Menschen, die mir entgegenkamen, mit Freude angestrahlt und ihnen über-fröhlich einen guten Morgen oder einen guten Tag gewünscht. Die Reaktion: Verwirrte Blicke! Manche antworteten gar nicht, andere brummelten dann auch etwas von „Guten Morgen“, aber vor allem zeigte sich in ihren Gesichtern eine große Verwunderung über meine fröhliche Begrüßung. Wenn ihr Lust habt, testet es mal selbst und begegnet euren Mitmenschen mit ungewöhnlich guter Laune – die Reaktionen sind interessant!

Dennoch habe ich keine Antwort auf die Frage, warum wir eigentlich so sind. Am Lebensstandard kann es nun wirklich nicht liegen - dafür habe ich schon zu viele glückliche Menschen in armen Ländern gesehen. Ich glaube tatsächlich, dass es sich irgendwie eingebürgert hat und sich die meisten Menschen der Masse fügen, um nicht herauszustechen. Betrachten wir folgende Situation: Man trifft nach langer Zeit einen Bekannten wieder und unterhält sich. Ist es nicht viel üblicher, bei so einem Austausch von Neuigkeiten, über den vielen Stress zu jammern, den man hat? So kenne ich das zumindest. Aber zu erzählen, dass das Leben gerade super entspannt ist, man sich über nichts beklagen kann und man einfach so in den Tag hineinlebt, wäre doch zumindest ungewöhnlich oder? Ich denke auch, dass die Befürchtung von anderen abgewertet und als „Faulpelz“ bezeichnet zu werden, nur weil man vielleicht etwas weniger „Stress“ hat als die anderen, eine große Rolle spielt. Auch wenn es verrückt klingt: Ich glaube, dass es sich inoffiziell hier zulande einfach nicht gehört, glücklich zu sein.

Und nein, damit meine ich nicht, dass wir alle unglücklich und unzufrieden sind mit dem, was wir haben. Aber es ist scheinbar nicht unsere Angewohnheit, die tollen Seiten des Lebens nach außen hin zu betonen und wertzuschätzen. Stattdessen herrscht ein regelrechter Kampf um Mitleid ODER um Respekt (da bin ich noch nicht sicher). Ganz nach dem Motto: Wer hat die meisten A-Karten gezogen und kämpft sich am härtesten durch?
Wenn ich meine eigenen Zeilen so lese, erscheint mir diese Begründung allerdings auch wieder paradox. Denn gerade habe ich mich gefragt, ob ich selbst einen Menschen, der keinen Stress hat, abwerte.... Und meine Selbsterkenntnis sagt: Nein. Eher bewundere ich diese Menschen oder ich wäre vielleicht sogar neidisch auf eine so gelassene Lebensführung.

Welchen Eindruck habt ihr von Menschen aus anderen Kulturen?  Und welche Gründe würdet ihr nennen, wenn ihr einschätzen müsstet, warum es zwischen Kulturen solche Unterschiede im Fröhlich-Sein gibt? Ich freue mich über eure Meinungen :-)
 

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